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Unter Strom

Welche Bedeutung hat das Thema Stress? Im täglichen Sprachgebrauch ist der Ausdruck längst angekommen, wir verwenden ihn synonym für Eile, Termindruck oder Anspannung. Stress scheint unser Leben zu bestimmten. Dabei ist der Begriff noch nicht einmal sehr alt – das Konzept Stress wurde erstmals 1939 von Hans Selye in einem Artikel für das Journal Nature verwendet. Der ungarische Mediziner war der Erste, dem auffiel, dass es eine stereotype Reaktion auf belastende Aufgaben gibt und dieser Reaktion einen Namen gab. Besonders populär wurde der Begriff in den 1980er Jahren, als er als typische Managerkrankheit bekannt wurde und damit auch in die Arbeitswelt Einzug hielt. Ab dann wurde berufsbedingter Stress auch als einer der Hauptgründe für gesundheitliche Beeinträchtigungen im Arbeitsleben anerkannt. In unserer postmodernen Gesellschaft sind die Bemühungen, Stress zu reduzieren, allgegenwärtig. In letzter Zeit wurde jedoch einer neuen Denkrichtung vermehrt Beachtung geschenkt: Vielleicht geht es gar nicht darum, Stressoren permanent zu vermeiden, sondern darum, einfach mehr Positives zu erleben.
 

Der Begriff Stress
Stress ist mittlerweile dermaßen in der Populärkultur angekommen, dass der Ausdruck fast schon langweilt. Dabei ist er biologisch gesehen zunächst mal ein sehr sinnvolles und gesundes Phänomen. In gefährlichen Situationen führen hormonelle Stressreaktionen zu einer besseren Durchblutung von Hirn, Herz und Muskulatur und somit zu erhöhter Leistungsfähigkeit und schnellen Reaktionen. Was Stress aber eigentlich ist, ist schwierig zu definieren. Im Grunde ist es die körperliche Reaktion auf jede wahrgenommene Überforderung. Das heißt, Stress ist äußerst individuell und die Ausschüttung von Stresshormonen von der eigenen Wahrnehmung abhängig. Zunächst kann zwischen Eustress und Disstress unterschieden werden. Ersteres führt zu einer inneren Anspannung, die notwendige Energie bereitstellt, um überhaupt produktiv zu sein und eine gewisse Stresstoleranz zu schaffen. Problematisch wird es, wenn die Belastungsgrenze chronisch überschritten wird, dann wird der Körper auf dauernde Alarmbereitschaft gesetzt und man fühlt sich gereizt und überspannt. Daher kann dauerhaftes Stresserleben kaum mit Höchstleistung assoziiert werden und wirkt sich auch im wirtschaftlichen Sinne negativ aus. Diese logische Annahme wird zum Beispiel in einer Metaanalyse von Professor Pfeffer von der Stanford University bestätigt. Er führte verschiedene Beispiele zum Einfluss des Faktors Mensch in Organisationen auf. So wurde in einem Unternehmen mit über 6.000 Mitarbeitern über 4 Jahre stressreduzierende Techniken eingesetzt, was tatsächlich eine Ersparnis von 613$ pro Mitarbeiter bewirkte.

Stressreduktion
Dass entspannte und motivierte Mitarbeiter einen weitaus besseren Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit eines Unternehmens haben, ist längst kein Geheimnis mehr. Viele Institutionen setzten daher schon seit langem auf stressreduzierende Maßnahmen: der amerikanische webbasierte Notizdienst Evernote konzentriert sich beispielsweise darauf, möglichst alle Stressoren im Leben seiner Mitarbeiter auszuschalten, sodass diese all ihre mentale Energie auf die Arbeit richten können. So gibt es von allen größeren Städten einen Shuttlebus zu dem Firmensitz im Silicon Valley, natürlich mit WLAN, alle Mahlzeiten sind umsonst und den Mitarbeitern wird zweiwöchentlich Reinigungspersonal bezahlt. Google geht sogar noch einen Schritt weiter und bietet Ärzte, Friseure, Psychologen oder Automechaniker auf dem Firmengelände an. Es werden kleine Parallelwelten geschaffen, die für jedes alltägliche Problem eine Lösung bieten. Weniger wirtschaftsstarke Unternehmen setzten auf einfachere Methoden: lange Arbeitszeiten und multiple Belastungen werden vermieden und es wird eine klare Rollenverteilung geschaffen. Diese Ansätze fußen auf psychologischer Forschung, in der es in den vergangenen Jahrzehnten vor allem darum ging, den Einfluss negativer Ereignisse auf die Gesundheit zu verstehen und diese dann zu reduzieren.

„Always look on the bright side of life“
Die Forschergruppe rund um Professor Bono von der University of Florida ging in ihrer Studie das Thema Stressreduktion am Arbeitsplatz von einer anderen Seite an: Sie verlagerten ihren Fokus weg von den negativen Aspekten im Arbeitsleben hin zu den positiven. Damit arbeiteten sie gegen die menschliche Neigung, negativen Ereignissen vermehrt Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn eine Person ein hilfreiches Gespräch mit einem Kollegen hat und ihr am gleichen Tag während der Arbeit ein Fehler unterläuft, wird sich diese Person abends mit höherer Wahrscheinlichkeit an den Fehler erinnern. Erklärtes Ziel der Forscher war es, diesem Bias entgegen zu wirken.
Um sich ein möglichst breites Bild über Stresserleben zu machen, beobachteten die Forscher über drei Wochen hinweg subjektives Stressempfinden, Blutdruck, physische und psychische Beschwerden sowie die Fähigkeit, mental von der Arbeit abzuschalten. Im Tagesverlauf und am Abend wurden die Mitarbeiter zu positiven und negativen Ereignissen während ihres Tages befragt. In der dritten Woche wurden sie zusätzlich gebeten, kurz drei positive Erlebnisse des Tages schriftlich festzuhalten. Mithilfe einer solchen „Positive Reflection Intervention“ sollte ein innerer Prozess angestoßen werden, gute Erlebnisse auszukosten und sie nicht in Gewohnheit untergehen zu lassen. Die Probanden sollten aktiv positive Emotionen durchleben.
Zunächst bestätigten die Forscher die natürliche Annahme, dass negative Erlebnisse physischen und psychischen Stress erhöhen. Gleichzeitig konnten sie im Bezug auf positive Ereignisse den gegenteiligen Effekt nachweisen. Wer viel Positives an einem Arbeitstag erlebt, fühlt sich während der Arbeit und auch später am Abend weniger gestresst. Sozialisierung, positives Feedback und Zielverwirklichung sind hierbei einige Schlagworte. Doch wie sieht es mit der Positive Reflection Intervention aus? Tatsächlich hatte diese einen ähnlichen Effekt wie positive Ereignisse. In der Woche mit abendlicher Reflexion empfanden die Teilnehmer ein weitaus geringeres Stresslevel als in den ersten zwei Wochen ohne.

Positive Organizational Scholarship
Dieser Paradigmenwechsel in der Psychologie, mit dem Hauptfokus auf Positives, ist relativ neu und wurde im Jahre 2003 unter dem Namen Positive Organizational Scholarship eingeführt. Die zu Grunde liegende Theorie beim Verständnis von Stress ist ein Ressourcenmodell, das sich weniger darauf konzentriert Ressourcen zu schützen, sondern eher darauf diese aktiv aufzubauen. Wenn Ressourcen ausgeschöpft oder bedroht werden, empfinden Menschen offenkundig Stress. Und wenn Ressourcen gestärkt werden, steigt genauso das Wohlbefinden und sinkt das Stresslevel. Ein deutlicher Unterschied zu früheren Theorien ist auch, dass Ressourcen nicht unbedingt stabile Persönlichkeitseigenschaften (z.B. jemand tut sich leicht mit Zeitdruck), sondern eher umweltabhängig und dynamisch sind.

Was heißt das konkret?
Die Interventionsidee ist simpel: Positive Ereignisse führen zu positiven Emotionen und diese zu positiven Ergebnissen. Diese zeigen sich dann in einem erweiterten Repertoire an Gedanken und Handlungsmöglichkeiten, während negative Emotionen das Blickfeld und den eigenen Handlungsspielraum einschränken. Nahliegend ist aus der beschriebenen Studie möglichst konkrete Vorschläge für Organisationen zu ziehen: Das heißt sich weniger auf Defizite und mehr auf Stärken zu konzentrieren sowie weniger korrigierend zu wirken und mehr positives Feedback zurückzugeben.

Fazit:
Die Studie zeigt, es sollte nicht ausschließlich darum gehen, stressvolle Situationen zu verteufeln und zu vermeiden. Stress ist durchaus in Ordnung, es müssen nur genügend Ressourcen vorhanden sein, um ihn zu kompensieren. Wer viel Positives erlebt, der tut sich leichter in unserer Welt, die so oder so von Hektik und Schnelligkeit geprägt ist.
 

Glossar:

Bias: Eine systematische kognitive Verzerrung im Wahrnehmen und Denken durch den Rückgriff auf Heuristiken.

Positive Organizational Scholarship: Unternehmen konzentrieren sich auf positive Arbeitserlebnisse (seit ca. 2003). Vier Hauptkomponente: Self-efficacy, Hoffnung, Optimismus und Resilienz

Quellen:

Bono, J. E., Glomb, T. M., Shen, W., Kim, E., & Koch, A. J. (2013). Building positive resources: Effects of positive events and positive reflection on work stress and health. Academy of Management Journal, 56(6), 1601-1627.

Caza, A., Cameron, K. (2008). Positive Organizational Scholarship: What does it achieve?. In C. L. Cooper and S. Clegg (Eds.) Handbook of Macro-Organizational Behavior. New York, USA: Sage.

Mayer, C.M. Was passiert biologisch bei einer Angstattacke oder auch allgemein im Stress. Neuro24.de. Retrieved from http://www.neuro24.de/stress.htm.

Pfeffer, J. 2010. Building sustainable organizations: The human factor. Academy of Management Perspectives, 24(1), 34–45.

Rohmer, S. (2013). Stress – Die Geschichte eines westlichen Konzepts. Dissertation, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.

© Franziska Sagner

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