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Ein faires Urteil

Letzten Endes wurde Neil Gorsuch mit 54 von 100 Stimmen in den Supreme Court gewählt. Damit wurde der erzkonservative Republikaner Anfang des Jahres einer der neun Richter des Obersten Gerichts der USA und entscheidet so über Themen von Einwanderung über Gesundheitsreform bis Todesstrafe. Fun Fact: 52 der 100 stimmberechtigten Senatoren sind Republikaner. Wie viele davon wohl für Gorsuch gestimmt haben? Genau – alle. Wie zu erwarten entscheidet Gorsuch seitdem ganz im Sinne Trumps, pro Einreiseverbot und Homophobie. Die Frage, ob bei Gorsuchs Rechtsprechungen noch von objektiven, richterlichen Entscheidungen gesprochen werden sollte, kann sich jeder selbst stellen. Dies zeigt jedoch sehr deutlich, wie sehr Personen der Judikative beeinflusst sind und lässt offen, inwieweit ein/e RichterIn überhaupt fair und rein faktenorientiert urteilen kann. Denn ein Blick auf jahrzehntelange psychologisch-empirische Forschung macht offensichtlich, dass politische Zugehörigkeit nur ein einzelner, kleiner Faktor in einer ganzen Bandbreite an Einflussfaktoren ist, die auf richterliche Urteile wirken.
 

Was Eigenschaften des/r RichterIn vorhersagen
Das erwähnte Beispiel zeigt, es existieren Einflussfaktoren, die auf RichterInnen und deren Entscheidungsfindung wirken, obwohl sie es nicht sollten. Natürlich gibt es legale Einflüsse: Die Schwere der Tat und der Schuld, die spezifischen Beweggründe oder die zu erwartende Wirkung der Strafe dürfen und sollen beim Richterspruch in Betracht gezogen werden. Die Einflüsse, von denen hier allerdings die Rede ist, gehen über das Gesetz hinaus – sind also extralegal. Wie gezeigt, können das einmal Merkmale des/r Richters/-in selbst sein, wie Alter, Geschlecht oder politische Zugehörigkeit. Darüber hinaus lassen sich RichterInnen im kleinen Maße von ihrer Strafzielpräferenz leiten: Soll die Strafe eher dazu dienen, den Täter zu einer Besserung zu bewegen, soll ein Exempel statuiert werden oder die Gesellschaft geschützt werden? Einen sehr viel stärkeren Einfluss hat die strafbezogene Einstellung der urteilenden Person, also an welchem Punkt des konservativ-liberalen Spektrums er/sie sich befindet. Auch verschiedene Denkstile machen ihren Einfluss geltend. Je stärker der/die RichterIn die Ursache für die Tat als im Täter und nicht in der Umwelt liegend sieht, umso härter wird der/die TäterIn bestraft.

Was Eigenschaften des/r TäterIn vorhersagen
Eine gewisse richterliche Freiheit ist dabei rechtlich durchaus gegeben, doch stößt diese schnell an ihre Grenzen. So sollten spezifische Merkmale des Angeklagten für die richterliche Urteilsfindung eigentlich irrelevant sein. Trotzdem offenbaren Hautfarbe, Alter, Attraktivität oder Sprachstil der/des Angeklagten vor Gericht eine enorme Wirkung. Im Bezug auf Attraktivität zeigt der Halo-Effekt, dass Menschen unbewusst dazu neigen, attraktiveren Personen weitaus positivere Eigenschaften wie Intelligenz oder soziale Kompetenz zuzuschreiben. Beispielhaft ist die Studie von Harold Sigall und Nancy Ostrove von der University of Maryland: Juristische Laien setzten das Strafmaß für eine attraktive Diebin halb so hoch an wie das für eine weniger attraktive. Wenn die Angeklagte ihre Attraktivität jedoch gezielt bei der Tatbegehung einsetzte, wurde sie deutlich höher als die weniger Attraktive bestraft.

Urteilsverzerrung
Die Frage bleibt: Wieso passiert es, dass die Urteile intelligenter und hoch qualifizierter Personen von solch banalen Dingen wie dem Aussehen beeinflusst werden? Eine entscheidende Rolle spielen Heuristiken. Eine Heuristik ist eine menschliche Denkstrategie, im Grunde eine gedankliche Vereinfachung, mit dem Ziel, möglichst schnell und unaufwendig zu einem Urteil zu gelangen. Besonders bei komplexer Informationslage orientieren wir uns an solchen Daumenregeln oder Vorurteilen. Es wird zum Beispiel von einem bekannten Merkmal einer Person, wie gutem Aussehen, auf ein unbekanntes Merkmal, wie Intelligenz, geschlossen. Solche Urteilsheuristiken können auch subtiler wirken, wie Studien zum Einfluss ethnischer Zugehörigkeit zeigen: Zwar werden AfroamerikanerInnen in den USA nicht härter bestraft als weiße TäterInnen, jedoch ist das Strafmaß innerhalb der Gruppe der AfroamerikanerInnen für solche mit ausgeprägteren ethnotypischen Merkmalen deutlich härter, wie Irene Blair und deren Kollegen von der University of Colorado 2004 zeigten.

Und es wird noch schlimmer…
Bisher bestand noch ein gewisser logischer Zusammenhang zwischen den Einflussfaktoren und dem richterlichen Urteil: Rassistische oder sexistische Vorurteile wirken sich auf das Strafmaß aus. Anders sieht es beim Ankereffekt aus. Dabei macht eine Person ein numerisches Urteil unbewusst an einer kurz zuvor präsentierten Zahl fest, unabhängig davon wie hoch oder niedrig diese Zahl ist. Im Gerichtssaal ist üblich, zuerst das Plädoyer der Staatsanwaltschaft und dann der Verteidigung zu hören. Nachgewiesener Weise setzt die erste Forderung der Staatsanwaltschaft den Anker für die restliche Verhandlung. Sowohl die Verteidigung in ihrer Forderung als auch der/die RichterIn in ihrem Schluss orientieren sich an dieser zuerst genannten Zahl. Und das sogar noch stärker, wenn die Juristen/-innen schon einige Jahre Erfahrungen mit sich brachten. Die Forscherin Birte Englich von der Universität Köln zeigte außerdem, dass ein Ankereffekt auch vollkommen willkürlich sein kann. Kommt es bei einer Gerichtsverhandlung zu dem Zwischenruf wie „Geben Sie ihm doch einfach fünf Jahre“ oder „Sprechen Sie ihn doch einfach frei“, dann wird das Strafmaß im ersten Fall deutlich höher angesetzt als im zweiten – obwohl über den Zwischenruf diskutiert und dieser von den Juristen/-innen als irrelevant eingestuft wird. Ein noch absurderer Effekt wurde in einer Studie von 2016 festgestellt: Es wurden die Urteile acht erfahrener israelischer Richter in Bewährungsausschüssen analysiert. Direkt nach einer Essenpause der/r Richter/in beträgt die Chance auf ein positives Urteil noch 60 % und sinkt mit zunehmender Anzahl an Entscheidungen auf fast 0 %. Je mehr Fälle sie schon bearbeitet hatten, umso leichter wollten es sich die Richter anscheinend machen.

Können extralegale Effekte verhindert werden?
Leider gibt es keine Patentlösung, um extralegale Effekte im Gerichtssaal zu vermeiden. Den meisten RichterInnen ist wahrscheinlich bewusst, dass sie ihre Entscheidungen abhängig von ihrer politischen oder allgemeinen moralischen Sichtweise treffen und sie wollen dies auch nicht ändern. Trotzdem hört sicherlich kein/e JuristIn gerne, er/sie werde in der Urteilsfindung vom Erscheinungsbild und Auftreten der/des Angeklagten gelenkt. Der erste Schritt, um solchen Urteilsverzerrungen entgegen zu wirken, ist die grundlegende Motivation, ein unverzerrtes Urteil abzugeben. Der zweite Schritt ist, sich dem Vorliegen, der Richtung und des Ausmaßes der Verzerrung bewusst zu werden. Danach können verschiedene Gegenstrategien angewendet werden. Besonders Gruppendiskussionen unter den JurorInnen sind hilfreich. Bei Ankereffekten gestaltet sich die Urteilskorrektur jedoch etwas schwieriger. Das alleinige Wissen um die eigene Beeinflussbarkeit und das Wirken von Ankereffekten ist nicht ausreichend. Ein Ausgleich kann durch das Generieren eigener gegensätzlicher Informationen erreicht werden. Das heißt, d. RichterIn muss selber Gegenargumente gegen die Staatsanwaltschaft generieren, anstatt nur auf die Verteidigung zu hören. Dadurch werden die Gegenargumente tiefer verarbeitet und das Plädoyer der Staatsanwaltschaft verliert seine Wirkkraft als Anker.

Fazit
Letztendlich spielt die psychologische Edukation von RichterInnen eine entscheidende Rolle. JuristInnen sollten befähigt werden, Verzerrungen selbstständig zu erkennen und Korrekturen durchzuführen. Dafür müssen wir uns eingestehen, dass RichterInnen schließlich auch nur Menschen und dabei genauso beeinflussbar wie jeder andere sind. Einen kleinen Hoffnungsschimmer gab es dann auch bei Gorsuch: Nach Trumps Attacke auf die Richter des Supreme Court, die sein Einreiseverbot ablehnten, kritisierte Gorsuch den US-Präsidenten scharf. Er selbst sehe sich nicht als Mittel einer Partei oder gar Trumps selbst. Niemand, auch nicht der US-Präsident selbst, stehe über dem Gesetz.
 

Glossar:
Entscheidungsheuristik: ressourcensparende kognitive Strategie zum Treffen von Entscheidungen
Extralegal: außerhalb des Gesetztes, gesetzlich nicht geregelt
Halo Effekt: 1920 von Edward L. Thorndike benannt: Tendenz
Heuristik: vereinfachende, fehleranfällige kognitive Strategie, die zu schnellen Schlussfolgerungen führt
 

Quellen:

Blair, I.V.. Judd, C.M., Chapleau, K.M. (2004). The influence of Afrocentric facial features in criminal sentecing. Psychological Science, 15 (10), 674-679.

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