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Das Phänomen der Resilienz

„Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“

Nach über 120 Jahren wird Nietzsche zwar noch gerne zitiert – betrachtet man allerdings die heutige Arbeitswelt, könnte man das Gefühl bekommen, dass wir bereits unbesiegbar sein sollten: Digitalisierung und ständige Erreichbarkeit, Arbeitsverdichtung und Rationalisierung, Veränderungsgeschwindigkeit und Globalisierung… Die Liste neuer Herausforderungen ist lang. Nüchtern betrachtet meint der berühmte Ausspruch wohl, dass der Mensch auf Belastung mit Stärke reagieren kann und soll. Die Psychologie spricht hier von Resilienz. Diese ist jedoch längst nicht bei jedem so gut ausgeprägt, wie Nietzsches Spruch vermutet lässt. Wieso können manche Menschen einfach besser mit Belastung umgehen als andere? Kann man Widerstandsfähigkeit lernen?

Was ist Resilienz?

Der Begriff Resilienz taucht bereits in psychologischen Forschungsarbeiten der frühen 1970er Jahre auf. Massentauglich ist das Resilienzthema jedoch erst seit in letzten 10 Jahren geworden. Im Grunde ist dies ein logischer Prozess: Zwischen 2005 und 2014 haben sich die Arbeitsunfähigkeitstage in Deutschland aufgrund von Burnout um mehr als das 7fache erhöht. Gleichzeitig steigt natürlich der Wunsch nach einer Erklärung: Wen trifft es und warum?
Vom lateinischen Wort „resiliere“ (‚zurückspringen’/‚abprallen’) abgeleitet, hat der Begriff seinen eigentlichen Ursprung in den Naturwissenschaften. In der Physik beschreibt er die Fähigkeit eines Metalls, nach massiven äußeren Einwirkungen wieder in seine anfängliche Form zurückzukehren – ohne dabei Schaden zu nehmen. Für die Psychologie bietet das eine schöne Metapher: Ein resilienter Mensch ist derjenige, der fähig ist, sich an hohe körperliche oder psychische Belastung anzupassen, ohne anhaltende Beeinträchtigungen davonzutragen. Im Unternehmenskontext bedeutet das also, auch unter schwierigen Umständen konstruktive Arbeit leisten zu können.

Individuelle Fähigkeit oder Resultat der Umstände?

Wieso schaffen es nun manche Mitarbeiter unter hoher Belastung zur Höchstform aufzulaufen, während andere dem Druck nicht standhalten? Der Schüssel liegt in den individuellen Verarbeitungsprozessen, die durch vier verschiedene Arten von Ressourcen beeinflusst werden. Laut Siegrist und Luitjens (2011) sind

1. eine proaktive Grundhaltung, also Selbstverantwortlichkeit,
2. persönliche Kompetenzen, wie emotionale Stabilität, Empathie und Mitteilungsfähigkeit,
3. soziale Ressourcen, vor allem Familie, Freunde, Vorbilder und Berater, sowie
4. Arbeitsressourcen, das heißt Arbeit als eine sinnvolle Tätigkeit zu erleben,

entscheidend. Neuere Arbeiten in der Resilienzforschung distanzieren sich von der Sichtweise, Resilienz sei eine individuell gegebene Charaktereigenschaft. Sie weisen darauf hin, dass jeder Mensch eine Art natürliche Widerstandskraft besitzt. Ihr berühmtester Vertreter, der Psychologe Prof. Bonanno von der Columbia University, betont den Einfluss äußerer Faktoren: Es kommt auf das Netz an, das einen auffängt. Soziale Unterstützung, finanzielle Sicherheit und/oder angelernte Krisenfertigkeiten sind die Grundlage.

Was bedeutet das für Unternehmen?

Tatsächlich beinhalten alle vier Arten der genannten Ressourcen Aspekte, die in einem Unternehmen gefördert werden können. Aus den bestehenden Forschungsergebnissen zieht Prof. Jutta Heller konkrete Schlüsse für die Arbeitspraxis: Salutogenese, also die Lehre der Gesunderhaltung des Einzelnen, sollte für ein Unternehmen zentral sein – Effizienzsteigerung durch Wertschätzung statt Ausbeutungskultur, gelebte Fehlerkultur statt Sanktionen. Empfinden Mitarbeiter ihre Arbeit zudem als sinnvoll, sind sie in der Regel auch widerstandsfähiger. Eine entscheidende Rolle nehmen dabei die Führungskräfte ein: Einerseits sollen sie selbst gelassen und flexibel sein, anderseits dienen sie als Vorbild für ihre Mitarbeiter.

Lässt sich Resilienz lernen?

Entscheidend ist, dass Resilienz nicht nur einen Einfluss auf subjektives Wohlbefinden, sondern auch auf Performance hat. In Unternehmen werden daher mittlerweile verschiedenste Resilienztrainings angewandt. Das bisher allerdings ein allgemeiner Wirksamkeitsnachweis ausblieb, inspirierte Robertsons et al. (2015) zu einer groß angelegten Metaanalyse. Im Vergleich der Trainings konnten sie tatsächlich eine generelle Wirksamkeit im Arbeitskontext nachweisen, auch wenn der entscheidende Faktor für die Erhöhung von Resilienz noch nicht klar ist.

Fazit:

Die gute Nachricht lautet: Jeder Mensch ist grundsätzlich resilient und hat die Fähigkeit, innere Stärke zu trainieren, auch wenn noch nicht unbedingt klar ist, wie die Mechanismen der Resilienzstärkung ablaufen. In Bezug auf die bisherigen Forschungsergebnisse scheint es lohnenswert, in Training zu investieren – privat und beruflich. Auch wenn man, wie Nietzsche´s Zitat möglicherweise suggeriert, nicht bis zum Äußersten gehen muss, um gestärkt hervorzugehen.

Glossar:

Metaanalyse: Ein statistisches Verfahren, um die Ergebnisse verschiedener Primär-Untersuchungen, die dieselbe Fragestellung verfolgen, miteinander zu vergleichen und zusammenzufassen.

Resilienz: Innere Stärke und Widerstandsfähigkeit (Gegenteil von Vulnerabilität).

Salutogenese: Die Lehre der Gesundheitsentstehung. Ein Konzept des Medizinsoziologen Aaron Antonovsky, das die Bedingungen von Gesundheit sowie schützenden Faktoren (Ressourcen) untersucht.

Vulnerabilität: Genetische oder erworbene Verletzlichkeit gegenüber Stressfaktoren. Führt zu erhöhter emotionaler Verwundbarkeit und Anfälligkeit für psychische Störungen bei Belastung (= Gegenteil von Resilienz).

Quellen:

Badura, B., Ducki, A., Schröder, H., Klose, J., & Meyer, M. (Hrsg.). (2015). Fehlzeiten-Report 2015. Heidelberg: Springer-Verlag Berlin Heidelberg

Fletcher, D., & Sarkar, M. (2013). Psychological resilience – A review and critique of definitions, concepts and theory. European Psychologist, 18(1), 12-23.

Gielas, A. (2014). Der Mensch ist ein zähes Tier [Interview mit George Bonanno]. brand eins, 11(12). Abgerufen von https://www.brandeins.de

Hildebrandt, A. (2015). Stärke und Elastizität. Was Unternehmen im Innersten zusammenhält [Interview mit Jutta Heller]. The Huffington Post. Abgerufen von http://www.huffingtonpost.de

Robertson, I., T., Cooper, C., L., Sarkar, M., & Curran, T. (2015). Resilience training in the workplace from 2003 to 2014: A systemativ review. Journal of Occupational and Organizational Psychology, 88(3), 533-562.

Siegrist, U., & Luitjens, M. (2011). 30 Minuten Resilienz. Offenbach: GABAL Verlag GmbH

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